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Auf der Suche nach dem Unveränderlichen

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Ende des 19. Jahrhunderts wandeln sich die polizeilichen Ermittlungs- und Identifizierungsmethoden grundlegend. Mit der Fotografie, Anthropometrie (Körpervermessung) und Daktyloskopie (Fingerabdruckverfahren) tauchen Techniken auf, die eine eindeutige und exakte Identifizierung von StraftäterInnen und Verdächtigen versprechen.

Mugshots1 sind keine Erfindung des Internetzeitalters. Sicherheitsbehörden begannen bereits kurz nach Erfindung der Fotografie damit, Häftlinge und verdächtige Personen zu fotografieren. Zunächst mit der Hoffnung Wiederholungstäter überführen zu können. Denn Brandmale waren abgeschafft2; das bis dahin sicherste Mittel der Wiedererkennung von StraftäterInnen; in einer Welt, die keine Ausweispflicht, DNA-Analyse und Fingerabdrücke kannte. Eine Welt fern der Möglichkeit, massenhaft Bilder herstellen und reproduzieren zu können.3 Wie also feststellen, ob eine Person wirklich die Person ist, für die sie sich ausgibt?

Fotografie und anthropometrische Vermessung

Die Einführung der Polizeifotografie4 geht einher mit dem Erkenntnisoptimismus der Jahrhundertwende. Nun, so waren sich die Experten sicher, könne das Problem „Kriminalität“ gelöst werden. Vielleicht sogar endgültig. Techniken wie Anthropometrie und Daktyloskopie dienten den Beamten dabei als Projektionsfläche ihrer Sicherheitsvisionen. Also begannen die Polizeibehörden Daten zu sammeln.

Den Anfang machte der Pariser Erkennungsdienst, ab 1882 unter der Leitung von Alphonse Bertillon. Bis zur Jahrhundertwende richteten Polizeibehörden auf der ganzen Welt Registraturen und Erkennungsdienste ein und versuchten eine Zentralisierung und Standardisierung der Informationsströme mit Hilfe von Vorstrafenregistern, Fotografiedatenbanken und Fingerabdruckkarteien. Kernstück des polizeilichen Identifizierungsverfahrens waren Signalements — Formulare mit Personenangaben. Ein Signalement bestand aus vier Teilen: Neben der Fotografie der Festgehaltenen, der Beschreibung besonderer Kennzeichen, wie Narben oder Muttermale, enthielt das Signalments auch eine auführliche Personenbeschreibung und elf Körpermaße, die den verdächtigen Personen bei einer anthropometrischen Vermessung genommen wurden. Denn gleichzeitig mit der Institutionalisierung der Fotografie setzten die Behörden auf eine weitere Identifizierungsmethode — die Anthropometrie oder auch benannt nach ihrem Erfinder Alphonse Bertillon: Bertillonage.

Die Behörden reagierten damit auf ein Problem, das der besonderen Eigenschaft der Fotografien geschuldet war. Der Vorteil der Wiedererkennbarkeit durch die visuelle Repräsentation ist gleichzeitig der größte Nachteil der Fotografie: Bilder verschließen sich den schriftlichen Klassifizierungssystemen. Spätestens seit den 1880er Jahren füllten in den Metropolen Berlin, Paris, Wien oder New York die Bilder ganze Aktenschränke. Wie sollten die Beamten der Erkennungsdienste aus Stapeln mit Tausenden Bildern eine Person wiedererkennen? Ein Beschlagwortungssystem für die Bilder musste entwickelt werden, denn die Sortierung nach den Namen der Verdächtigen oder deren Delikten war wenig zielführend, schließlich waren dann Personen, die falsche Angaben machten, nicht zu überführen. Und so entwickelte Bertillon ein Identifizierungsverfahren, das auf einem Zahlenvergleich basierte. Die Zahlen wurden durch die Vermessung der Verdächtigen erzeugt. Bei allen Verdächtigen wurden elf Körpermaße gemessen: Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge, Kopfbreite, Jochbeinbreite, Länge des rechten Ohrs, Mittelfingerlänge, Kleinfingerlänge, Fußlänge und Unterarmlänge.

Daktylokopie — das Fingerabdruckverfahren

Identifizieren bedeutete für die Beamten, mehrere Signalements zu vergleichen und zu kontrollieren, ob sich Übereinstimmungen zwischen den Zahlenwerten und Beschreibungen finden lassen. Doch die Vermessung der Verdächtigen war auf Dauer zu arbeitsaufwendig. „Für die Praxis ist das System unverwendbar. Es ist das Produkt einer geradezu krankhaften Klassifizierungswut,” schreibt der Kriminalist Robert Heindl in den 1920er Jahren über die Anthropometrie.5 Und bereits wenige Jahre nach Etablierung der Anthropometrie stand mit der Daktyloskopie ein Konkurrenzverfahren bereit, das die Kriminalisten der Jahrhundertwende begeisterte. Fortan wurden die Signalementkarten mit den Fingerabdrücken der Verdächtigen ergänzt, statt mit den Körpermaßen. Fingerabdrücke waren leichter und schneller herzustellen und hatten einen weiteren entscheidenden Vorteil: Fingerabdrücke können auch Hinweise für die Ermittlungsarbeit liefern, wenn an Tatorten Fingerabdrücke sichergestellt werden. Ihre Körpermaße hinterlassen TäterInnen nicht an den Tatorten, Fingerabdrücke möglicherweise schon. Grundlage der Daktyloskopie war — und ist — allerdings nicht der Vergleich zweier Fingerabdruckbilder, sondern die Verformelung der Abdrücke. Andernfalls würden die Beamten der Erkennungsdienste wieder vor dem Problem des Bildervergleichs stehen. Daher brauchte es auch für die Fingerabdrücke ein geeignetes Beschlagwortungssystem. Die Fingerabdrücke wurden — und werden heute mit technischer Unterstützung — in einen Zahlencode umgewandelt, nach den Grundmustern Bogen, Schleife und Wirbel. Zentrales Moment der Daktyloskopie war daher, wie bei der Anthropometrie, ein Zahlencode, der mit einer Datenbank abgeglichen werden konnte. Erst im letzten Schritt des daktyloskopischen Identifizierungsverfahrens werden die Abdrücke als Bilder miteinander verglichen.

Auch wenn sich das Repertoire an Identifizierungstechniken seit Ende des 19. Jahrhunderts um einige biometrische Techniken erweitert hat, bleiben Fotografien und Fingerabdrücke zentrale Wiedererkennungsinstrumente. Mit beiden Techniken begeben sich die Beamten der Erkennungsdienste auf die Suche nach dem Unveränderlichen, das für das Ganze steht.

Wer mehr über die Identifizierungstechniken Fotografie, Daktyloskopie und Anthropometrie erfahren möchte, dem sei mein Aufsatz Daniel Meßner: Erkennungsdienstliche Behandlung verdächtiger Personen. Über technisierte Identifizierung durch Fotografie, Anthropometrie und Daktyloskopie empfohlen, im neuen Sammelband Andrea Griesebner/Georg Tschannett (Hg.), Ermitteln, Fahnden und Strafen. Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Wien 2010. Erschienen im Löcker-Verlag. Wer generell mehr zum Thema „Identifizierung“ wissen möchte, findet auf der Projektwebsite „Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierungstechniken zwischen Praxis und Vision“ Informationen und Literaturhinweise sowie im erwähnten Sammelband auch einen Aufsatz zur Frühmodernen Identifizierung. Stephan Gruber: Steckbrieflich gesucht. Behördliche Fahndung in der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert.

  1. Raynal Pellicer: Mug shots. An archive of the famous, infamous, and most wanted, New York 2009 []
  2. Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 2003, Französische Erstausgabe 1975 []
  3. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main 2007, Erstdruck 1936 []
  4. Daniel Meßner, Die Konstruktion des polizeilichen Blicks. Wiener Polizeifotografie an der Wende zum 20. Jahrhundert. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien []
  5. Robert Heindl: System und Praxis der Daktyloskopie. Und der sonstigen technischen Methoden der Kriminalpolizei, Berlin 1922, S. 425 []

Written by Daniel

Juni 30th, 2010 at 7:35 pm

Posted in Geschichte

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