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Lübkes „Neger“ und Neros „Wahnsinn“ — über Geschichtsschreibung und historische Abrechnungen
Neben „Equal goes it loose“ für „Gleich geht´s los“ ist der Satz „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ das bekannteste Zitat, das dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke zugeschrieben wird. Gesagt hat er beides mit großer Wahrscheinlichkeit nicht — über Geschichte verrät das dennoch viel.
Auf einem Staatsbesuch 1962 in Liberia soll der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke seine Rede mit den Worten begonnen haben: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ Ein unglaublicher Lapsus. Eigentlich. Doch Lübke hat diesen Satz wahrscheinlich nie gesagt. Zumindest lassen sich — trotz intensiver Recherche — keine Belege
dafür finden. Zugetraut hätten diesen Satz dem Staatsoberhaupt aber die meisten.
Heinrich Lübke, 1894 geboren, wird 1959 nach langer politischer Arbeit, die noch im Kaiserreich begann, zweiter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In den zehn Jahren seiner Amtszeit ließ Lübke nicht wenige Fettnäpfchen aus, so dass er nicht als begnadeter Politiker denn als ungelenker Redner in Erinnerung blieb. Schon während seinen beiden Amtszeiten machten sich Zeitgenossen über seine Versprecher, Verhaspler und ungeschickten Formulierungen lustig. Die Satire-Zeitschrift PARDON veröffentlichte 1966 die LP „Heinrich Lübke redet für Deutschland“ mit Ausschnitten aus Lübkes Reden und das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL ließ keine Gelegenheit aus, Lübkes Ausrutscher bloßzustellen. Die beiden Sager — „Equal goes it loose“ und „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ — hätten also niemanden überrascht, da viele sie ihm zugetraut hätten. Stilblüten vom Bundespräsidenten waren schließlich keine Seltenheit.1
Geschichte schreiben …
Es stellt sich also die Frage, warum ausgerechnet die beiden bekanntesten Zitate, die Lübke zugesprochen werden, gar nicht von ihm sind, obwohl es doch genug Stilblüten von ihm gab? Eine Erklärung liefert die Art, wie Geschichte geschrieben wird. Gemacht wird. Und wie Erinnerung entsteht, denn erinnert wird an das, was überliefert wird. Da spielt es auch keine Rolle, ob das Ereignis tatsächlich stattfand, oder nicht. Das ist ein bisschen wie bei Verleumdungskampagnen: Irgendwas bleibt immer hängen.
Ein Beispiel: DER SPIEGEL schreibt ab 1967 fast in jeder Ausgabe über Stilblüten und ungelenke Formulierungen des Bundespräsidenten. Wie in Ausgabe 6/1968. Unter dem Titel „I am“ wird voller Ironie Lübkes Verhalten auf einer Veranstaltung in Berlin mit zahlreichen Diplomaten beschrieben.
Lübke setzte zu einem Lob an: I am, I am und stockte. Dann bat er seine sprachkundige Frau um Hilfe: „Sag ihnen doch, daß ich mich freue.“
Der Nachrichtenwert des ganzen Beitrags beschränkt sich im Grunde auf die Darstellung von Lübkes ungeschicktem Verhalten. Derartige Beispiele lassen sich in den SPIEGEL-Ausgaben viele finden. Interessant ist nun, dass DER SPIEGEL für seine Diskreditierungen keine Quelle angibt und Quellenangaben bei vielen Medien auch nicht üblich sind. Ob diese Szene mit den englischen Sprachschwierigkeiten Lübkes tatsächlich so stattfand, lässt sich daher also nicht sagen. Doch der Beitrag des SPIEGEL ist heute immer noch auffindbar — ist also überliefert und kann bei Recherchen als Quelle herangezogen werden. Die Szene wird also potenziell erinnert — ob sie stattfand oder nicht.
Die Einschätzung, wie eine Quelle zu beurteilen ist, ist daher ein wesentlicher Teil der historischen Arbeit. Quellenkritik nennen das HistorikerInnen. Auf den ersten Blick scheint die Einschätzung der Quelle recht eindeutig: DER SPIEGEL steht für Qualitätsjournalismus.
Es gibt also eigentlich keinen Grund zu der Annahme, dass SPIEGEL-JournalistInnen Zitate erfinden. Wenn da nicht das Geständnis des ehemaligen SPIEGEL-Journalisten und Herausgebers der Zeitschrift KONKRET Hermann Ludwig Gremliza wäre, der 2006 zugab, dass das Lübke-Zitat „Equal goes it loose“ nur eine Erfindung des SPIEGEL-Korrespondenten Ernst Goyke war, wie auch alle anderen „Lübke-Englisch“-Zitate. Bei den falschen Zitaten handelt es sich also um eine bewusste Diskreditierung, vorausgesetzt wiederum Gremliza hat recht.
… die Sieger
Das Beispiel „Heinrich Lübke“ zeigt also, dass es für die Geschichte nicht unbedingt entscheidend ist, dass ein Ereignis tatsächlich stattfand, sondern vielmehr, wie es überliefert und erinnert wird. Umschrieben wird das häufig mit dem Satz „Die Sieger schreib
en Geschichte“. Die Sieger schreiben aber nur deshalb Geschichte, weil sie bestimmen, was überliefert wird, und an was wie erinnert wird.
Dazu gibt es tausende Beispiele aus der Geschichte: Nero ist so ein bekannter Fall. Der römische Kaiser von 54 bis 68 gilt als einer der umstrittensten römischen Kaiser und auch in vielen gegenwärtigen medialen Umsetzungen ist Nero ein wahnsinniger Künstler, der am Ende Rom anzündet. Woher kommt nun diese Beurteilung? Paulus Orosius, ein Ende des 4. Jahrhunderts im Norden Portugals geborener Priester, schrieb das Werk „Orosii historiarum adversus paganos libri septem“ („Die antike Weltgeschichte in christlicher Sicht“). Darin zu finden ist ein Musterbeispiel einer historischen Abrechnung. Nicht nur, dass der Christ Orosius Nero als Christenverfolger negativ bewertet — Orosius schreibt schließlich aus christlicher Sicht —, er ordnet dem Kaiser so ziemlich jede schlechte Eigenschaft zu, die der christliche Moralkatalog und das römische Wertesystem bereitstellten. Und das mehrere hundert Jahre nach dessen Tod, denn Orosius schrieb seine Weltgeschichte erst Ende des 4. Jahrhunderts.
„Schamlosigkeit, Wollust, Prunkliebe, Habsucht, Grausamkeit brachte er bei jedem Verbrechen zur Geltung. [...] In der Prunkliebe aber wurde er so zügellos, daß er mit goldenen Netzen fischte, die mit purpurnen Seilen herausgezogen wurden, und sich mit kalten und warmen Salben badete. [...] Schließlich steckte er die Stadt Rom in Brand – ein Schauspiel seiner Willkür.“2Warum aber wirkt nun genau die Nero-Beurteilung von Orosius bis heute nach? Es gab ja sicherlich auch antike Geschichtsschreiber, die Nero positiver beurteilten. Hier kommen jetzt die Sieger ins Spiel, die sich in diesem Fall Zeit ließen — zumindest mehrere hundert Jahre. Zunächst gerät Orosius in Vergessenheit.
Erst im Mittelalter werden seine Ideen und Vorstellung wieder aufgegriffen und verbreitet. HistorikerInnen fanden in den Klosterbibliotheken insgesamt 245 Handschriften des Geschichtswerkes von Orosius und fast alle mittelalterlichen Historiographen lassen erkennen, dass sie Orosius Geschichtswerk gelesen haben, darunter zum Beispiel Adam von Bremen oder Bischof Otto von Freising. Der Historiker Hans-Werner Goetz geht davon aus, dass Orosius sieben Bücher neben der Chronik des Hieronymus die Hauptquelle des Mittelalters für die antike Geschichte waren.3 Die mittelalterlichen Mönche in den Bibliotheken hatten eine wichtige Funktion als Gatekeeper mit Monopolstellung. Sie bestimmten, was überliefert wird und was nicht, indem sie die Bücher abschrieben, die sie für wichtig hielten. Orosius Weltgeschichte hielten sie für sehr wichtig. Schließlich passte es gut in die christliche Weltlehre.
Und so schreiben Sieger Geschichte, weil die Sieger bestimmen, was überliefert wird, auf welches Quellenmaterial HistorikerInnen — aber auch JournalistInnen — später zurückgreifen können und sie treffen die Auswahl, an was wie erinnert wird.






